Keinen Schlussstrich 10 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU


„10 Jahre nach der Selbstenttarnung des NSU in Eisenach bleiben nach wie vor viele Fragen offen. Die Politik versprach uns Familien eine vollständige Aufklärung, der sie leider nicht nachkamen.

Für mich ist die Aufklärung nicht zu Ende. Auch das Urteil des Oberlandesgerichts München hat meine Fragen nicht beantwortet. Ich möchte immer noch wissen, wer für den Mord an meinem Vater verantwortlich ist. Es geht nicht nur darum, wer selbst geschossen hat, sondern auch darum, wer Unterstützer, Helfer oder weiterer Mörder war. Ich will wissen, welche Helfer der NSU in Dortmund und anderswo hatte. Ich will wissen, warum die Morde und Anschläge nicht verhindert wurden. Ich will wissen, was Polizei und Verfassungsschutz wussten und warum deren Spitzel bis heute geschützt werden. Ich möchte, dass die NSU-Akten den Anwälten übergeben werden.

Und ich hoffe, dass zumindest das Urteil gegen André Eminger aufgehoben wird und er als volles Mitglied des NSU auch für das verurteilt wird, was er getan hat. Solange eine 100%ige Aufklärung nicht wenigstens versucht wurde, kann und werde ich damit nicht abschließen können.“

Hintergrund:

Mehmet Kubaşık wurde 1966 in Pazarcık, im Süden der Türkei, geboren. Mit 18 Jahren heiratete er Elif. Ende der 1980er Jahre verließ die kurdisch-alevitische Familie Anatolien. 1991 reiste die Familie über die Schweiz nach Deutschland ein und beantragte Asyl. 1993 wurde der Asylantrag anerkannt. Sie lebten von Anfang an in Dortmund. Der junge Familien-vater versuchte, die Familie mit Hilfsarbeiten zu ernähren. Er liebte es, mit seinen Kindern Eis zu essen, grillte gerne und spielte Fußball. Im Juni 2004 kaufte er in Dortmund einen Kiosk und machte sich selbständig. Von morgens um sieben bis nachts um eins war der Kiosk geöffnet. Die ganze Familie half mit. Am 4.4.2006 wurde er vom NSU in seinem Kiosk in der Mallinckrodtstraße ermordet. Er wurde nur 39 Jahre alt. Er gehört zu den zehn Menschen, die vom NSU in den Jahren 2000 bis 2007 aus rassistischen Motiven ermordet wurden.

10 Jahre nach der Selbstenttarnung – Bündnis Tag der Solidarität/ Kein Schlussstrich Dortmund unterstützt Familie Kubaşık in ihren Forderungen nach Aufklärung und Konsequenzen

„Ich möchte, dass die Leute niemals vergessen, dass dieser Staat und seine Behörden uns erst ernst genommen haben, als die Nazis sich 2011 selbst zu den Morden und den Anschlägen bekannt hatten“, sagte Gamze Kubaşık bei der Einweihung des Mehmet - Kubaşık – Platzes im November 2019.

Am 4.11.2011 flog der Nationalsozialistische Untergrund (NSU) nach einem gescheiterten Bankraub in Eisenach auf. In der Folge wurde bekannt, dass der NSU für eine bis dahin beispiellose rassistische Mord- und Terrorserie verantwortlich ist. Die NSU-Mordserie erschütterte das Land und das Vertrauen in den Rechtsstaat.

„Uns geht es im Zusammenhang mit diesem traurigen Jahrestag darum, Solidarität mit den Angehörigen der Mordopfer und Überlebenden des rechten Terrors zu zeigen“, so Marie Kemper vom Bündnis Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund. Die Angehörigen der Familien Yozgat, Kubaşık und Şimşek organisierten in Kassel und Dortmund bereits 2006 – wenige Monate nach den Morden - Demos, in denen sie klar das rassistische Tatmotiv thematisierten.

Der Jahrestag der Selbstenttarnung, war für die Angehörigen ein Tag der Erleichterung, denn endlich wurde ihnen geglaubt. Elif Kubaşık berichtete, dass sie wieder „erhobenen Hauptes“ durch die Straßen gehen konnte, da sie mit ihrer Vermutung, dass die Täter Nazis waren, recht hatten.

„Der NSU-Komplex ist nach wie vor unzureichend aufgearbeitet, Gamze Kubaşık hat das Recht zu erfahren, warum die Mörder nicht gestoppt wurden“, so Kemper weiterhin. „Wir schließen uns der Forderung von Familie Kubaşık an, wissen zu wollen, was Polizei und Verfassungsschutz wussten, denn es waren nicht die Sicherheitsbehörden, die die Nazis stoppten, sondern es handelte sich um eine Selbstenttarnung.“

Weder der parlamentarische Untersuchungsausschuss im Düsseldorfer Landtag, noch der erste NSU-Prozess am Oberlandesgericht in München, haben die versprochene Aufklärung gebracht.

Vor dem Hintergrund einer nicht enden wollenden Verharmlosung und Vertuschung extrem rechter Verbrechen und des weit verbreiteten gesellschaftlichen Rassismus, einer militanten Neonaziszene in Dortmund und rechten Netzwerken in den Sicherheitsbehörden, schließt sich das Bündnis den Forderungen der Familie Kubaşık nach lokalen Ermittlungen an.„Das Mindeste ist, dass die Anwältinnen der Opferfamilien Zugang zu allen Akten erhalten“, sagt Ali Şirin, vom Bündnis. „Weitere Ermittlungen in Dortmund sind notwendig um das Netzwerk zu beleuchten und lokale Unterstützerinnen des NSU ausfindig zu machen“, so Şirin weiterhin.

Kundgebung und Mahnwache am 4.11.2021, ab 14 Uhr vor dem Fußballmuseum

„Die Entwicklung nach rechts, der erneute Einzug der AfD in den Bundestag und die alltäglichen rassistischen Angriffe erfordern, dass wir den Rechtsruck entschlossen bekämpfen“, so Ekincan Genç von der DIDF Jugend. Unter dem Motto: „Kein Vergeben, Kein Vergessen – 10 Jahre Aufdeckung des NSU und immer noch keine Aufklärung“, hat er am 4.11.2021 ab 14Uhr eine Kundgebung vor dem Dortmunder Hauptbahnhof am DFB-Fußballmuseum angemeldet, die vom Bündnis „Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund“ unterstützt wird.

Intervıew mıt Gamze Kubaşık

Broschüre "Trauer, Wut und Widerstand. Antirassistische Initiativen und Gedenkpolitik" herausgegeben vom Bündnis Tag der Solidarität – Kein Schlussstrich Dortmund