Antisemitismus in der Einwanderungsgesellschaft


Referenten:
Prof. Dr. Gert Pickel, Professor für Religions- und Kirchensoziologie am Institut für Praktische Theologie an der Theologischen Fakultät der Universität Leipzig und stellvertretender Sprecher des Kompetenzzentrums für Rechtsextremismus- und Demokratieforschung der Universität Leipzig.

Cemal Öztürk, Wissenschaftlicher Mitarbeiter am Lehrstuhl für Vergleichende Politikwissenschaft und BMBW-Verbundprojekt RIRA. Radikaler Islam – Radikaler Antiislam. IfP, Universität Duisburg-Essen.

Vordergründig herrscht in Deutschland ein breiter gesellschaftspolitischer Konsens: Nie wieder Antisemitismus! Zwischen diesem Selbstbild einer vom Antisemitismus geläuterten deutschen Gesellschaft und den Diskriminierungserfahrungen, die Juden und Jüdinnen in ihrem Alltag machen, klafft jedoch eine beachtliche Lücke.
Wie eine Umfrage der European Agency for Fundamental Rights (2018) belegt, sehen 85 % der in Deutschland lebenden jüdischen Bürgerinnen den Antisemitismus als ein großes gesellschaftliches Problem an. 89 % sind sich sicher, dass der Antisemitismus in den letzten fünf Jahren zugenommen hat. 44 % der befragten Juden und Jüdinnen haben sogar schon einmal darüber nachgedacht aus Deutschland auszuwandern, weil sie sich in diesem Land nicht mehr sicher fühlen. Dass es sich hierbei um realistische Bedrohungswahrnehmungen handelt, hat z. B. das Attentat auf die Hallenser Synagoge gezeigt. Aber auch in der Breite besteht ein Problem, gaben doch in Umfragen 80% der befragten Juden und Jüdinnen an, in den letzten Jahren schon einmal Diskriminierung erfahren zu haben.
Antisemitismus - verstanden als grundlose Feindschaft gegen Juden
und Jüdinnen - tritt heute in verschiedenen Gewändern auf. Man begegnet ihm in tradierten Formen, wenn Juden und Jüdinnen omnipotente Machtpositionen angedichtet werden; in Form eines Schuldabwehrantisemitismus sowie in Form eines israelbezogenen Antisemitismus, bei dem der eigene Antisemitismus als eine Kritik am Staat Israel maskiert wird. Gerade an letzterem schließt eine Diskussion an, die auf einen neuen religiös motivierten Antisemitismus, den sogenannten „muslimischen Antisemitismus“, referiert.
Seine Thematisierung gestaltet sich jedoch alles andere als einfach. Große Islamverbände streiten seine Existenz ab und Teile der links-liberalen Milieus schrecken vor seiner Thematisierung zurück, weil sie sich vor einer möglichen Stigmatisierung der in Deutschland lebenden Muslim
innen fürchten. Eine nicht unberechtigte Befürchtung, wenn man sich die Verbreitung islam- und musliminnenfeindlicher Einstellungen und Auswüchse des antimuslimischen Rassismus vergegenwärtigt.
Vor diesem gesellschaftspolitischen Hintergrund gilt es in der Tat essentialisierende Zuschreibungen über Antisemitismus unter Muslim
innen zu vermeiden - zugleich ist eine (bewusste) Ignoranz des muslimischen Antisemitismus unredlich. Die Ergebnisse empirischer Forschung sprechen hier nämlich eine klare und alarmierende Sprache: Betroffenenbefragungen legen nahe, dass antisemitische Diskriminierungen überdurchschnittlich häufig von radikalisierten Musliminnen ausgehen (European Agency for Fundamental Rights 2018).
Grund genug um sich diesem Thema ausführlicher zu widmen und die Frage zu stellen, in welcher Relation steht der Antisemitismus unter Muslim
innen zu den fortexistierenden Antisemitismen in Deutschland?
Info und Anmeldung: Tel: 0211/16387946, seidabei@mosaikev.de

Eine Veranstaltungsreihe von Mosaik e.V. in Kooperation mit Düsseldorfer Beiträge „Respekt und Mut“ und Gesellschaft für christlich-jüdische Zusammenarbeit